Alles bunt? - Die Welt des Caodaismus

9. Dezember 2008

Die Religion des Caodaismus findet sich vor allem in Vietnam. Sie vereint verschiedene religiöse Richtung in sich und ist Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden. Bekannt ist sie vor allem durch ihre farbenfrohe Gestaltung, in der sich das Gemisch vieler unterschiedlichster Religionen widerspiegelt und die den Besucher schockiert aber auch auf ihre ganz eigene Art fasziniert.

Begonnen hat alles mit dem Vietnamesen Ngo Van Chieu, der als der Begründer der Religion gilt. Diesem erschien 1919 auf der Insel
Phu Quoc
der Geist Cao Dai in Form eines strahlenden Auges. Ein paar Jahre später offenbarte sich der Geist dem Lebemann Le Van Trung aus Saigon, der sich fortan als Führer der Cao Dai Gemeinschaft ansah und diese zusammen mit Ngo Van Chieu 1926 begründete.

Innerhalb dieser Religion vereinen sich Gedanken aus verschiedenen Religionen wie dem Buddhismus (die Lehre des Karmas), dem Konfuzianismus (die Ethik), dem Daoismus (in Form von Frömmigkeitspraxis) und dem Christentum (Missionierung). Dieser Synkretismus, das heißt die Verschmelzung mehrerer Religionselemente, spiegelt sich in dem farbenfrohen Auftreten der Religion wider. So steht Gelb für Buddhismus, Blau für den Daoimus, Rot symbolisiert den Konfuzianismus und Weiß steht in Verbindung mit dem Christentum (Novizen tragen weiße Gewänder).

Der Begriff Cao Dai bedeutet übersetzt soviel wie “Großer Palast” bzw. “Großes Gebäude” und steht stellvertretend für den großen Gott, den Schöpfer. Dieser steht an der Spitze der hierarchisch strukturierten Glaubensgemeinschaft, die sich am Vorbild der katholischen Kirche orientiert. Die höchste Stellung auf Erden hat sein Stellvertreter, der Papst, ihm unterstehen 3 Kardinäle, gefolgt von 8 Erzbischöfen. Diesen sind wiederum Bischöfe und höhere Priester untergeordnet sowie einfache Priester, die die größte Zahl der Sektenstruktur ausmachen. Interessant ist, dass der Caodaismus der Frau Gleichstellung einräumt, die sich auf alle Ämter außer dem Höchsten (Papst) bezieht. Bis zu seinem Tod hatte Le Van Trung das Amt des Papstes inne, sein Nachfolger konzentrierte sich anschließend auf die Einbeziehung wirtschaftlicher, politischer und sozialer Aspekte und brachte die Anhängerzahl der Glaubensgemeinschaft auf schätzungsweise 2 Millionen. Eine Zahl, die wohl auch heute die Mitgliederzahl des Caodaismus treffend beschreibt.

Der Glaube der Caodaisten bestand vor allem aus der Vorstellung von Seelenwanderung sowie der Einhaltung der Lehren der “christlichen” Nächstenliebe. Dazu kommen Glaubensgrundsätze wie Selbstlosigkeit, Vegetarismus und Alkoholabstinenz. Gelebt wird die Religion durch Gebete und Geisterbeschwörungen, vor allem in den Tempeln, wo sich die Anhänger vier Mal zum Gebet treffen. Die Tempel sind Kirchen nachempfunden, allerdings fließen auch hier die verschiedenen Elemente der angesprochenen Religionen zusammen und mischen sich zu einer ganz neuen Form, die in ihrem Auftreten als einmalig angesehen werden kann.

In der Nähe (ca. 100 km entfernt) von Saigon befindet sich das Zentrum der Sekte namens Tay Ninh. Hier steht der Haupttempel der Caodaisten, der sich an die Architektur einer Kirche anlehnt, allerding auch hier gemischt mit zahlreichen anderen Religionselementen. 1937 wurde der Bau nach 10 Jahren fertiggestellt. Im Inneren der “Kirche” befinden sich 24 mit Drachen umschlunge Säulen, die zu einem himmeblauen Gewölbe führen, welches sich durch die Räumlichkeiten zieht. Die Gläubigen lassen sich auf einer der neun Ebenen nieder, die eine aufsteigende Leiter symbolisieren, die in einen Altar an der Spitze ufert. Dieser ist verziert mit dem Sinnbild der Sekte, dem allwissenden Auge, welches von den Anhängern verehrt und angebetet wird.

Wenn sie in Saigon sind haben sie zumeist die Möglichkeit einen Ausflug nach Tay Ninh zu machen und der Zeremonie der Gläubigen von einem Balkon aus beizuwohnen. Damit können sie einen Eindruck von dieser “chaotisch” anmutend Religion gewinnen, die selbst den meisten Vietnamesen fremd erscheint. Sie erwartet eine Mischung aus faszinierender Exotik und einer schwer nachvollziehbaren Glaubenslehre und -praxis.

 

Stephanie Trappe

Kategorie: Kulturelles